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Wie geht es Ihnen, Frau und Herr Doktor?

Vor über drei Jahren stellten wir in der Serie „Formen ärztlicher Kooperation“ verschiedene Praxismodelle im niedergelassenen Bereich und Ärzteteams vor, die in ihnen arbeiten. Heute fragen wir sie, wie ihnen die Zusammenarbeit gefällt und vor allem, wie sie gelingt.

Von Mag. Christoph Schwalb | med.ium 1+2/2026

Die Formen ärztlicher Zusammenarbeit haben die Ordinationslandschaft spürbar verändert, seit vor über einem Jahrzehnt der Gruppenpraxen-Gesamtvertrag abgeschlossen wurde (2013). Hinzugekommen sind seitdem eine Reihe weiterer Möglichkeiten, mit einem oder mehreren ArztkollegInnen unter einem Dach medizinisch zusammenzuarbeiten.

In unserer Serie „Formen ärztlicher Kooperation“ haben wir vor über drei Jahren im med.ium (Ausgaben 10-12/2022 bis 5+6/2023) ausführlich über die verschiedenen Zusammenarbeitsformen berichtet. Zu jeder einzelnen haben wir Ärztinnen und Ärzte zu Wort kommen lassen, wie und warum sie sich gerade für diese Art des medizinischen Wirkens im niedergelassenen Bereich entschieden haben. 

Nach dieser längeren Zeit haben wir mehrere Ärztinnen und Ärzte von damals nochmals um ihre Erfahrung und Eindrücke gefragt, wie es ihnen seitdem ergangen ist. Welche Herausforderungen aber auch Chancen sich ergeben haben und welche Rahmenbedingungen sie gegebenenfalls ändern würden.

„Eine Terminordination für vier Ärzte ist ein verdammt hartes Brett zu bohren“

Dr.in Barbara Vockner, Fachärztin für Allgemein- und Familienmedizin, eröffnete 2015 die erste Gruppenpraxis (Primärversorgungseinheit, PVE) mit zwei Kassenstellen im Pinzgau. Heute arbeitet sie im Gesundheitszentrum Saalfelden mit zwei Kolleginnen und einem Kollegen.

Dr.in Vockner über die ärztliche Zusammenarbeit im „Gesundheitszentrum Saalfelden“ (PVE) seit 2022: 

„Die Aufarbeitung der Coronajahre mit den vielen Fallbesprechungen hat uns anfänglich sehr gefordert und zusätzliche Aufgaben erhöhten ziemlich den Stresslevel. Dabei hätten wir beinahe übersehen, wie essenziell wichtig regelmäßige Besprechungen von uns vier Gesellschaftern sind. Das haben wir jetzt als Fixpunkt einmal in der Woche etabliert und die vorgesehene Zeit von einer Stunde ist ziemlich knapp. Von Personalangelegenheiten bis zu ärztlichen Urlaubsvertretungen steht alles auf der Agenda, was „Chefs“ zu entscheiden haben. 

Die Aufteilung unserer Kompetenzbereiche Finanz-Personal-Multiprofessionalität-Technik-EDV auf uns vier Gesellschafter hat sich bestens bewährt, wobei der Personalpart sicher der umfangreichste ist. Ein Thema, das immer wieder auf den Tisch kommt, sind die Wartezeiten der Patienten. 

Regelmäßige Teambesprechungen sind ein wichtiges Instrument zur Etablierung Eine Terminordination für vier Ärzte ist ein verdammt hartes Brett zu bohren und bringt uns auch an manchen Tagen in ordentlichen Trouble. Hier sind die regelmäßigen Teambesprechungen mit den Mitarbeiterinnen ein wichtiges Instrument zur Etablierung von Prozessen, an denen sich alle orientieren können. Etwas holprig lief der Versuch, im multiprofessionellen Team einen Qualitätszirkel einzuführen. Das würde ich aus der heutigen Sicht von Anfang an als Fixpunkt einführen und so ein Tool zum Austausch von Wissen aus der Sicht der unterschiedlichen Berufe besser nutzen. 

Zusammenfassend sind wir eine gesundheitliche Einrichtung, die auch ihre eigene „Gesundheit“ immer im Blick haben muss und dessen Ziel es ist, die Arbeitszufriedenheit der Ärzte durch eine
ausgewogene Aufteilung der täglichen Arbeit, der Visiten, der Geschäftsführung und der angemessenen finanziellen Entlohnung zu erhalten.“

„Ich habe den Übergang gut überstanden und die Patientinnenzahl steigt stetig“

Dr. Robert Kepplinger, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, hat die Teilgruppenpraxis seines Vorgängers, Dr. Walter Arnberger, in Neumarkt am Wallersee übernommen und führt sie jetzt allein im Kassenvertrag.

med.ium: Wie ist es Ihnen seither ergangen mit Ihrer Form der ärztlichen Zusammenarbeit? Und wie geht es Ihnen jetzt? 

Dr. Kepplinger: Ich habe die Zusammenarbeit mit meinem Partner Dr. Arnberger als sehr angenehm empfunden, und habe sehr viel, vor allem auch Organisatorisches gelernt. Ich bin jetzt allein im Kassenvertrag und habe den Übergang gut überstanden. 

Dr. Arnberger: Ich habe wie geplant etwa fünf Jahre mit meinem Partner in Form einer Teilgruppenpraxis als offene Gesellschaft (OG) zusammengearbeitet. Die ärztliche Zusammenarbeit war bestens, auch mit meiner Gattin, die mit ihrer Privatordination bei uns eingemietet war, wobei wir auch ihre Geräte mitbenutzen konnten. Alle drei Ärzte haben sich gut verstanden, es gab in diesen fünf Jahren keinerlei Unstimmigkeiten unter den Ärzten. 

med.ium: Welche Herausforderungen und welche Chancen haben sich ergeben? 

Dr. Kepplinger: Herausfordernd war sicher, dass man lernt, dass man auf sich allein gestellt ist. Als Chance sehe ich die Möglichkeit, mit Kollegen zusammenzuarbeiten, die man sich aussuchen kann. 

Dr. Arnberger: Die größte Herausforderung war unser Personal, da jede Ordinationsassistentin gewohnt war alleine zu arbeiten, aber da dann fast immer zwei Ärzte gleichzeitig ordinierten, mussten die „Primadonnen“ in den „Chor“ – schwierig! Nach mehreren personellen Veränderungen lief es schließlich gut. Die allgemein größte Herausforderung, die Corona-Pandemie, haben wir hingegen problemlos gemeistert. 

„Fünf wunderschöne Jahre der Zusammenarbeit, dank der Personen, die mitwirkten!“

med.ium: Was würden Sie ändern? 

Dr. Kepplinger: So wenig Bürokratie wie möglich, vor allem seitens der ÖGK. 

Dr. Arnberger: Auf personelle Probleme würden wir heute wahrscheinlich rascher reagieren. 

med.ium: Wie zufrieden sind Ihre Patientinnen und Patienten? 

Dr. Kepplinger: An sich sehr, sie haben es geschätzt, zwischen den Ärzten wählen zu können, und dass es nach der Pensionierung des älteren Kollegen weitergeht. 

Dr. Arnberger: Meine Patientinnen haben meinen Kollegen sehr positiv angenommen, auch deshalb, weil sie immer wählen konnten, bei welchem Arzt sie sich ihren Termin nehmen wollen.

med.ium: Was hat sich in der Zwischenzeit getan und ggf. verändert? 

Dr. Kepplinger: Die Patientenzahlen haben aufgrund der großen Zufriedenheit zugenommen. Ich bin inzwischen dabei, meine Praxis zu erweitern und eine Kollegin anzustellen, um die Patientinnenzahl, die stetig steigt, zu bewältigen. 

Dr. Arnberger: Ich bin einen Monat vor meinem 70er, wie geplant, in Pension gegangen. Die OG wurde wieder aufgelöst und mein Partner betreibt die Ordination derzeit wieder im Einzelvertrag. Résumé: Fünf wunderschöne Jahre der Zusammenarbeit, dank der Personen, die mitwirkten!

„Enormer Zuwachs an Patienten, sehr positive Erfahrung der Zusammenarbeit“

Dr. Sebastian Kalbhenn, Facharzt für Allgemein- und Familienmedizin in Saalfelden, hat vor einigen die Praxis einer in Pension gegangenen Kollegin übernommen, in der er heute mit seiner Frau zusammenarbeitet. Über die Hilfe der Ärztekammer für Salzburg beim Umsetzen des Modells der Übergabepraxis war er sehr froh.

med.ium: Wie ist es Ihnen seither ergangen mit Ihrer Form der ärztlichen Zusammenarbeit? Und wie geht es Ihnen jetzt?

Für mich hat sich im Laufe der letzten drei Jahre durch einen enormen Zuwachs an Patienten ein dementsprechend hohes Arbeitsmaß eingestellt, was sich als durchwegs positiv bewerte und mich natürlich sehr freut. Die interdisziplinäre Arbeit sowohl mit den hausärztlichen Kollegen, den niedergelassenen Fachärzten und den Krankenhäusern hat sicher an einigen Punkten Schwierigkeiten bereitet und tut dies immer noch, alles zusammengenommen würde ich aber auf jeden Fall von einer sehr positiven Erfahrung der Zusammenarbeit berichten, welche letztlich immer im Sinne und für den Patienten steht. 

med.ium: Welche Herausforderungen und welche Chancen haben sich ergeben? 

Gerade zu Beginn einer Praxisübernahme gibt es eine Vielzahl an Herausforderungen, angefangen von der Mitarbeiterführung, dem Aufstellen eines soliden Finanzierungssystems, dem Einhalten von schier unendlichen Vorschriften für jeden Türgriff, schnell wechselnde Vorgaben (z. B. puncto Impfstoffbeschaffung), jedem Patienten im zeitgetriebenen System der allgemeinen Kassenmedizin genug Aufmerksamkeit und Zeit zu schenken und dabei die anderen Patienten im vollen Wartezimmer nicht zu lange warten zu lassen. Auf der anderen Seite konnte ich meine erlernte Art der Medizin so ausführen, wie es mir obliegt und rechtens erscheint und das gibt mir doch eine Menge Spielraum (z. B. Palliativmedizin, als gelernter Chirurg Durchführung von kleinen bis mittleren chirurgischen Eingriffen in der Ordination, sodass Patienten nicht wegen jeder Kleinigkeit ins Krankenhaus überwiesen werden müssen).

med.ium: Was würden Sie ändern? 

Ich habe sehr schnell um die Hürden des Arzneimittelbewilligungssystems (ABS) gelernt, meiner Auffassung nach ist es ein Hohn an uns Ärzten, die tagtäglich mit ihren zum teils jahrzehntelang bekannten Patienten zusammenarbeiten/sie behandeln, einen wildfremden Arzt um die Bewilligung eines spezifischen Medikaments anbetteln zu müssen. Die Zeit, die hierfür draufgeht, wäre so viel besser im Patientenkontakt investiert, dass es mir oft die Sprache vorschlägt, dass teilweise fünf bis sechs Konversationswechsel mit dem ABS stattfinden müssen, bis ein Medikament schlussendlich doch bewilligt wird. Ich fühle mich als Hausarzt hierdurch in die Situation gebracht, grundsätzlich keine Ahnung zu haben, wenn ein teils viele Kilometer entfernter Kollege oder Kollegin innerhalb von Sekunden ein Urteil über Bewilligung oder Ablehnung eines benötigten Medikamentes fällt. 

Ich sehe die Notwendigkeit, Einsparung durchzuführen selbstverständlich ein, es geht jedoch nicht um Medikamente, die teils mehrere 1000 Euro im Monat Kosten, sondern oft um Kleinigkeiten wie Schmerzmittel für Palliativpatienten in größeren Mengen oder der Hürde, wenn ein Patient auf Urlaub fährt und einen größeren Vorrat für diese Zeit an Medikamenten benötigt. Diese Kompliziertheit geht mir einfach nicht ein und gehört abgeschafft! 

Des Weiteren war die Umstellung am 1.1.2025 im Rahmen des Gesundheitstelematikgesetz begleitet von einem unfassbar hohen Arbeitsaufwand für die Assistenten, die Ärzte und brachte ein Riesenmaß an Unzufriedenheit für die Patienten. Es gehört ein einheitliches System zur Kommunikation unter den Ärzten, mit den Krankenhäusern und maximal ein zweites mit dem Patienten von oberster Stelle entwickelt und an alle verpflichtend ausgegeben. Der Dschungel an Vielfalt an Angeboten ist nicht überschaubar und jeder hält sich mit Investitionen zurück, wenn keiner weiß, was die Zukunft in diesem Punkt bringt. 

„Es gehört ein einheitliches System zur Kommunikation unter den Ärzten, mit den Krankenhäusern und maximal ein zweites mit dem Patienten von oberster Stelle entwickelt und an alle verpflichtend ausgegeben.“

med.ium: Wie zufrieden sind Ihre Patientinnen und Patienten? 

Dies ist eine Frage, die sich natürlich leicht mit einer gewissen Arroganz in Verbindung bringen lässt, wenn die Antwort lautet, dass der überwiegende Teil meiner Patienten sehr zufrieden mit der Arbeit unseres gesamten Ordinationsteam ist. Knackpunkt ist zweifelsfrei die Wartezeit, ich habe mich von Beginn an gegen ein Terminsystem entschieden, da sicher 50 Prozent der täglichen Patienten Akutfälle sind und es in meinen Augen nicht sein kann, dass ein Patient, der z. B. eine Blasenentzündung oder Bauchschmerzen hat, auf einen Termin in ein oder mehreren Tagen verwiesen wird. 

Die Allgemeinmedizin ist im Großteil ein nur sehr begrenzt planbarer Beruf und nicht selten kommt es vor, dass Patienten von anderen Kolleginnen und Kollegen bei mir aufscheinen, um akut behandelt zu werden. Ich kann jedes Mal den Unmut von Patienten nachvollziehen, welche teilweise zwei Stunden im Wartezimmer verbringen, mir bleibt jedoch nichts anderes übrig, als an ihre Vernunft und Verständnis zu appellieren, indem ich ihnen die Situation erkläre. Zudem werden Patienten mit schwereren und akuteren Erkrankungen bei Aufscheinen vorgezogen. Dieses System kostet mich immer wieder Patienten, die deshalb zu anderen Hausärzten wechseln, aber ich kann es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, akut kranke Menschen mit dem Hinweis auf einen notwendigen Termin wegzuschicken. 

med.ium: Was hat sich in der Zwischenzeit getan und ggf. verändert? 

Aufgrund der sehr positiven Entwicklung der Patientenzahlen habe ich seit 1. Juli 2025 meine Frau, die ebenfalls Allgemeinmedizinerin ist, in meiner Ordination angestellt, sodass wir zusammen den Patientenansturm bewältigen können und so die Wartezeiten verringert haben. Es liegt in der Natur der Sache, dass z. B. in der Hochzeit der Erkältungen/Grippewelle nichtsdestotrotz das Wartezimmer überläuft und es zu dementsprechenden Wartezeiten kommt. Ich muss dem jedoch hinzufügen, dass ich die Erfahrung gemacht habe, dass fast alle Patienten hierfür Verständnis aufbringen und zum Teil auch gerade deswegen in meine Ordination kommen, weil wir uns hier Zeit für sie nehmen. 

Obwohl die Praxisübernahme nun dreieinhalb Jahre her ist, kann ich immer noch nicht sagen, was ich im Monat verdiene, das zu zahlende Ausmaß an Steuern ist beachtlich und sollte jedem, der von den reichen Ärzten redet, bewusst vor Augen geführt werden. Des Weiteren finde ich, dass ein Beruf mit solch einer langen Ausbildung (bei mir waren es seit Studienbeginn 16 Jahre bis zum Facharzt!) und einer riesigen Verantwortung dementsprechend entlohnt gehört.

Mehr Info:

Kooperationsformen im Überblick: www.aeksbg.at/kooperationsformen

Teil 2 lesen Sie in der nächsten Ausgabe des med.ium