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Weniger ist oft mehr – gemeinsam gut entscheiden

Ein Beitrag über die Gesundheitsversorgung von Dr. Jochen Schuler, 1. Vizepräsident der Gesellschaft der Salzburger Ärztinnen und Ärzte. Plus: standespolitischer Kommentar von Ärztekammer-Präsident Dr. Matthias Vavrovsky und Vizepräsident MR Dr. Christoph Fürthauer.

Von Dr. Jochen Schuler, Kardiologe und Internist und 1. Vizepräsident der Gesellschaft der Salzburger Ärztinnen und Ärzte | med.ium 5+6/2026

Weniger ist oft mehr – gemeinsam gut entscheiden

In unserem Gesundheitssystem werden zu viele Untersuchungen durchgeführt, zu viele Medikamente verordnet und es wird zu häufig operiert. Genaue Zahlen hierzu sind nicht bekannt, aber 70% der deutschen Internisten gaben in einer Online-Befragung an, mehrfach täglich oder wöchentlich überflüssige medizinische Leistungen zu beobachten. In einer anderen Umfrage unter bayerischen Hausärztinnen und -ärzte schätzten diese, dass etwa vier von zehn medizinischen Leistungen wenig bis keinen Nutzen für die Patientinnen und Patienten haben. Aber auch mehr als die Hälfte dieser nehmen wahr, dass in den Ordinationen oft oder sehr oft unnötige Leistungen erbracht werden. Diese Zahlen stellte Frau Univ. Prof.in Dr.in med. Andrea Siebenhofer-Kroitzsch, Vorständin des Instituts für Allgemeinmedizin und evidenzbasierter Versorgungsforschung der MedUni Graz, bei einer Veranstaltung der Gesellschaft der Salzburger Ärztinnen und Ärzte vor.

Ein Fünftel der Ausgaben leisten wenig bis keinen Beitrag zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung 

Exemplarisch für überflüssige oder nutzlose medizinische Leistungen wurden genannt: überbordende Bildgebung bei akuten Rückenschmerzen ohne Risikosignale, engmaschige Zervixabstriche zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs, Koronarinterventionen ohne Prognosegewinn und zahlreiche orthopädische Eingriffe („Wir sind Weltmeister bei den Knieprothesen“). Nach Schätzungen der OECD leisteten rund ein Fünftel der Gesundheitsausgaben wenig bis keinen Beitrag zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung, oder richten sogar Schaden an. Dazu zählen psychologische (Ängste, Depressionen), körperliche (somatische Fixierung), und gesellschaftliche Konsequenzen (niemand ist mehr gesund, Krankenstände). Zudem vergeuden überflüssige Untersuchungen und Eingriffe das Geld der Solidargemeinschaft und verstopfen die Gesundheitseinrichtungen. Kranke haben längere Wartezeiten. Paradoxerweise geht das Phänomen Überversorgung auch sehr häufig einher mit Unter- und Fehlversorgung: die Patientinnen und Patienten haben und erhalten Vieles, aber oft nicht das, was sie tatsächlich benötigen. 

Absicherungsmedizin, ökonomische Fehlanreize und Druck von Patienten

Als wichtige Gründe für diese Über- und Fehlversorgung nannte Siebenhofer-Kroitzsch den Impuls der Ärztinnen und Ärzte sich absichern zu wollen und ökonomische Fehlanreize. Außerdem gäben sie in Interviews zu dieser Problematik häufig an, einen Druck von Seiten der Patientinnen und Patienten wahrzunehmen. Diese wiederum verfügten über eine unzureichende Gesundheitskompetenz und seien oft fehlinformiert. Digitale Medien und Gesundheitsapplikationen würden als Informationsquellen immer bedeutsamer. Doch seien die dort erhältlichen Informationen mehrheitlich unbrauchbar. So ergab eine Analyse von TikTok-Videos zum Themenfeld ADHS, dass nur 21% der dort gegebenen Informationen nützlich waren und 52% sogar irreführend. Besonders negativ fallen die unzähligen „Influencer“ in den sozialen Medien auf, die sich - mit oder ohne Qualifikation - zu allen möglichen Gesundheitsthemen äußern und millionenfach geklickt werden. In diesem Kontext falle besonders negativ auf die Berichterstattung zum Nutzen von Nahrungsergänzungsmitteln und Mikronährstoffen. Aber auch die vermeintlich serösen Informationsquellen erfüllten häufig nicht die Kriterien von guten Gesundheitsinformationen. Dies habe eine Analyse von Informationsbroschüren ergeben, die in Grazer Arztpraxen ausgelegt waren. Das verwundere jedoch kaum, denn die Mehrzahl dieser Broschüren stammten von Pharma- oder Medizinprodukteunternehmen.

Wenn die Gesundheitspolitik scheitert

Die „top down"-Versuche zur Einhegung der Über- und Fehlversorgung durch die Gesundheitspolitik scheitern regelmäßig am Widerstand der vielen Interessensgruppen. Auch führten Bemühungen für mehr Transparenz wie der Klinikradar oder IGEL-Monitor in Deutschland zu keinen messbaren Verbesserungen. In Österreich traue man sich an die Veröffentlichung solcher Versorgungszahlen erst gar nicht ran.

Einen Ausweg aus diesem Dilemma soll „Choosing Wiseley“ (CW) aufzeigen. Diese „bottom-up“ -Initiative hat sich im Jahr 2012 in den USA gegründet und es gibt mittlerweile viele nationale Nachahmer. Die drei wesentlichen Ziele von CW sind: Reduktion von unnötigen und gesundheitsschädigenden Maßnahmen; von Verschwendung und von Müll im Gesundheitswesen; und Verbesserung der Kommunikation zwischen Patienten und ihren Ärzten. 

Ein rationalerer Umgang mit den Mitteln im Gesundheitswesen sei nicht nur ökonomisch erforderlich, sondern „in einem System mit limitierten Ressourcen (..) auch eine Frage der ärztlichen Ethik, um für alle Menschen die notwendige Versorgung zu ermöglichen.“ 

Gemeinsam gut entscheiden

CW-Initiativen bitten die medizinische Fachgesellschaften fünf Untersuchungen oder Behandlungen zu benennen, die in ihrem Fachgebiet übermäßig eingesetzt werden und den Patientinnen und Patienten keinen sinnvollen Nutzen bringen. Diese Negativlisten werden dann veröffentlicht und die Primäversorgenden können sich daran orientieren für das Aufklärungsgespräch verwenden.

In Österreich ist CW in Graz beheimatet und trägt den deutschen Namen „Gemeinsam gut entscheiden“ (https://gemeinsam-gut-entscheiden.at/). Die Grazer Wissenschaftler verwenden jedoch eine modifizierte Methodik. Sie sammeln die internationalen CW-Empfehlungen und prüfen diese zunächst auf ihre wissenschaftliche Verlässlichkeit. Nur was den Kriterien der evidenzbasierten Medizin standhält, wird den österreichischen Fachgesellschaften vorgelegt. Diese können dann auswählen, was für die Gegebenheiten hier passt. Anschließend werden die akkordierten Empfehlungen laienverständlich formuliert und in kleinen Broschüren gedruckt, für die Auslage in den Arztpraxen.

Empfehlungen aus neun Fachgebieten

Mittlerweile gibt es für Österreich CW-Empfehlungen aus neun Bereichen: Allgemeine Gesundheit und Krankenpflege, Allgemeinmedizin, Endokrinologie, Geriatrie, Gynäkologie, Nephrologie, Ökologische Nachhaltigkeit, Palliativmedizin und Vorsorgemedizin. 

Der Bereich Vorsorgeuntersuchungen ist für die Überversorgung besonders bedeutsam. Hier wurden von der Österreichischen Gesellschaft für Public Health (ÖGPH) folgende sieben Empfehlungen ausgewählt: 

  • Keine Suche nach Bakterien im Harn ohne Symptome;
  • Kein Osteoporose-Screening bei Personen unter 50 Jahren;
  • Kein Screening auf Vitamin-D-Mangel;
  • Kein Screening nach Typ-2-Diabetes bei Personen ohne entsprechendes Risiko;
  • Keine Bestimmung der ɣGT zur Suche nach gesundheitsgefährdendem Alkoholkonsum;
  • Kein Screening auf Nierenfunktionsstörungen ohne entsprechende Risikofaktoren;
  • Kein Screening auf Depressionen: Früher ist nicht immer besser.

Leider zeigen einige wichtige Fachgesellschaften wenig Interesse an solchen Negativlisten. Auch ist die Initiative „Gemeinsam gut entscheiden“ bislang nur bei jeder/m fünften österreichischen Allgemeinmediziner/in bekannt. Als weitere Limitationen nennt Siebenhofer-Kroitzsch, dass nur rund ein Drittel der Negativempfehlungen auf verlässlichen Informationen basieren, dass bislang kaum Kostenersparnisse durch CW nachgewiesen wurden und dass mögliche Interessenkonflikte im Zusammenhang mit den Negativempfehlungen von den Fachgesellschaften selten offengelegt werden.

Verlässliche Informationen für Patienten 

In Graz kümmert man sich neben CW im Projekt EVI auch um die Zurverfügungstellung von besseren Gesundheitsinformationen für die Patientinnen und Patienten. Sogenannte „EVI-Boxen“ für die Wartezimmer gibt es zu mittlerweile zu mehr als 30 Themenfeldern. Die Materialien sollen das gemeinsame Gespräch und gesundheitskompetente Entscheidungen unterstützen. Die Broschüren werden vom steirischen Projektteam kostenlos zur Verfügung gestellt und können über die Projekt-Webseite abgerufen werden (www.evi.at). Es gibt aber auch noch weitere nationale Plattformen für seröse Informationsquellen, wie www.gesundheit.gv.at des Bundesministeriums für Gesundheit oder https://medizin-transparent.at/ von der Universität in Krems.

Quartäre Prävention

Zum Schluss ihres Vortrages erinnerte Siebenhofer-Kroitzsch an den Begriff der Quartären Prävention, welcher im Bewusstsein der Ärzteschaft vertieft gehört. Die Quartärprävention beinhaltet, dass nicht bedarfsgerechte und nutzlose Medizin erkannt und vermieden wird, um die Patienten vor unnötigen diagnostischen oder therapeutischen Eingriffen zu bewahren. Hierzu müssten sich Ärztinnen und Ärzte von dem Mythos verabschieden, dass eine frühe Diagnosestellung automatisch gut für die Betroffenen ist. „Hinterfragen Sie Tendenzen zur Medikalisierung, Disease Mongering und Kommerzialisierung; Verwenden Sie gute und unabhängige Materialien für sich und Ihre Patienten; Halten Sie Unsicherheit aus!“. 

Der Vortrag endete mit einem Zitat des großen Arztes und Forschers William Osler: 

„Medicine is a science of uncertainty and an art of probability.“


Die Gesellschaft der Salzburger Ärztinnen und Ärzte ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der unabhängigen ärztlichen Fortbildung und dem Austausch zwischen Ärztinnen und Ärzten und verwandten Berufsgruppen. Die Gesellschaft wurde 1849 gegründet und ist nach Wien die zweitälteste dieser Art in Österreich. Es finden regelmäßig wissenschaftliche Vorträge und Sitzungen statt, ohne Sponsoring durch Dritte.

Das aktuelle Programm ist auf der Webseite der Gesellschaft abrufbar: 
https://gesellschaft-salzburger-aerztinnen-aerzte.at 

Damit aus Qualitätsdebatte keine Sparpolitik wird

Eine gesundheitspolitische Einordnung zum vorangehenden Beitrag

Der Beitrag von Kollege Schuler trifft einen Nerv – und er trifft ihn zu Recht. Überversorgung in einzelnen Bereichen der Medizin ist real, sie ist wissenschaftlich gut dokumentiert, und sie zu adressieren ist zuallererst eine ärztliche Aufgabe. Genau deshalb ist sein Bericht so wichtig: Er gibt den Anstoß, den wir in unserem Berufsstand brauchen, und macht zugleich auf die unabhängige, sponsorenfreie Fortbildungsarbeit der Gesellschaft der Salzburger Ärztinnen und Ärzte aufmerksam.

Gerade weil das Thema so wichtig ist, braucht es aber auch die richtige gesundheitspolitische Einordnung. Denn die im Beitrag dargestellten Befunde können im aktuellen Klima ein Eigenleben entwickeln, das weder dem Vortrag von Frau Prof. Siebenhofer-Kroitzsch noch dem Anliegen von Choosing Wisely gerecht wird – und das die falschen Schlüsse befördert.

Die OECD-Zahl gehört in den Kontext. Der oft zitierte Befund, rund ein Fünftel der Gesundheitsausgaben leiste „wenig bis keinen Beitrag", stammt aus internationalen Schätzungen und gilt nicht eins zu eins für Österreich. Unser Land liegt bei der treatable mortality – also bei jenen Todesfällen, die durch eine funktionierende Gesundheitsversorgung vermeidbar wären – im OECD-Vergleich konstant im vorderen Drittel. Das ist kein Zufall, sondern Ergebnis eines Systems mit freier Arztwahl, niedrigschwelligem Zugang und einer dichten niedergelassenen Versorgung. Wer aus der OECD-Schätzung pauschale Einsparpotenziale gegen die Ärzteschaft ableitet, verwechselt Ursache und Wirkung.

Überversorgung entsteht im System, nicht in der Ordination. Der Vortrag benennt die wahren Treiber sehr klar: Absicherungsmedizin in einem zunehmend forensischen Klima, ökonomische Fehlanreize im Honorarsystem, Patientendruck befeuert durch Influencer und kommerziell gesponserte „Gesundheitsinformation", und eine Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung, die nachweislich zu den schlechtesten in Westeuropa zählt. Das sind Strukturprobleme. Wer Überversorgung ernsthaft reduzieren will, muss an diesen Strukturen ansetzen: An einer Honorierung, die das ärztliche Gespräch und die quartäre Prävention angemessen abbildet; an einer Stärkung der Gesundheitskompetenz; an klaren Regeln gegen kommerzielle Desinformation. Nichts davon gelingt mit Honorardeckeln, Wahlarztrestriktionen oder einem zentralistischen Umbau der ambulanten Versorgung.

Über- und Unterversorgung gehen oft Hand in Hand. Der Vortrag erinnert zu Recht daran, dass beide Phänomene häufig parallel existieren – „die Patientinnen und Patienten haben und erhalten Vieles, aber oft nicht das, was sie tatsächlich benötigen". Auch in Salzburg sehen wir das: Während in manchen Bereichen zu viel geschieht, gibt es andere, in denen Patientinnen und Patienten zu lange auf die richtige Versorgung warten – sei es in der wohnortnahen Grundversorgung, in einzelnen Fachgebieten oder in der Betreuung chronisch kranker und älterer Menschen. Genau das ist die Aufgabe, vor der wir stehen: die richtige Leistung zur richtigen Zeit für die richtige Patientin – nicht weniger Medizin, sondern bessere.

Quartäre Prävention braucht Zeit, Vertrauen und Wahlfreiheit. Der Mut, eine Untersuchung nicht anzuordnen, ein Medikament nicht zu verschreiben, eine Operation nicht zu empfehlen, ist das Gegenteil von Defensivmedizin. Er setzt voraus, dass die Ärztin ihre Patientin kennt, dass Zeit für ein echtes Gespräch da ist, und dass die Patientin ihrer Ärztin vertraut. Diese Voraussetzungen entstehen nicht in anonymen Großstrukturen, sondern in einer kontinuierlichen, persönlichen Arzt-Patienten-Beziehung – wie sie das österreichische System mit seiner freien Arztwahl bis heute ermöglicht. Wer diese Beziehung schwächt, schwächt zugleich die wirksamste Form der Überversorgungsvermeidung.

Unser Weg. Qualität, Angemessenheit und ärztliche Selbstverantwortung gehören zum Kern unseres Berufes – und sie gehören in ärztliche Hand. Was wir nicht akzeptieren werden, ist die Instrumentalisierung berechtigter Qualitätsdebatten als Vorwand für kurzsichtige Sparmaßnahmen. Wer wissenschaftliche Befunde zur Überversorgung nutzt, um Honorare zu deckeln oder den niedergelassenen Bereich zurückzudrängen, spart kein Geld – er setzt neue Fehlanreize und macht das System am Ende teurer. Veränderung heißt nicht Zerstörung – und Qualitätssicherung heißt nicht Pauschalverdacht.

In diesem Sinn: Hinterfragen wir Tendenzen zur Medikalisierung. Halten wir Unsicherheit aus. Und verteidigen wir gleichzeitig jene Strukturen, die gute Medizin in Österreich – fachlich und ökonomisch – überhaupt erst möglich machen.


Dr. Matthias Vavrovsky, MBA
Präsident der Ärztekammer für Salzburg

Dr. Christoph Fürthauer
Vizepräsident, Obmann der Kurie der niedergelassenen Ärzte

Dr. Jörg Hutter
Vizepräsident, Obmann der Kurie der angestellten Ärzte