Von Mag. Christoph Schwalb | med.ium 9+10/2026
Weibliche Genitalverstümmelung (FGM/C, Female Genital Mutilation/Cutting) betrifft weltweit rund 230 Millionen Mädchen und Frauen und ist in 94 Ländern dokumentiert. Um die Ärzteschaft auf diesen Missstand aufmerksam zu machen und für das Thema zu sensibilisieren, fand am 6. Oktober in der Ärztekammer für Salzburg eine Fortbildungsveranstaltung der Fachgruppen Kinderheilkunde, Urologie sowie Frauenheilkunde und Geburtshilfe statt.
Die Geschäftsführerin des Frauengesundheitszentrums Salzburg (FGZ), Mag.a Aline Halhuber-Ahlmann, vermittelte umfassende Einblicke in die verschiedenen Formen der weiblichen Genitalverstümmelung. Diese reichen von der teilweisen oder vollständigen Entfernung der Klitoris und/oder der inneren und äußeren Genitallippen bis hin zur sogenannten Infibulation, bei der die Vaginalöffnung teilweise verschlossen wird. Die Eingriffe können gravierende gesundheitliche und sexuelle Folgen haben und mit langanhaltenden Schmerzen und erheblichen Einschränkungen verbunden sein.
Einer aktuellen Studie der Medizinischen Universität Wien zufolge gibt es in Österreich knapp 11.000 von FGM/C betroffene Frauen und Mädchen. Zwischen 1.700 und 3.000 Mädchen sind potenziell von FGM/C bedroht. In Salzburg sind ca. 1.180 Frauen davon betroffen, bis zu 170 Mädchen sind derzeit davon bedroht.
Oberärztin und Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe Dr. Maria Trattner berichtete aus ihrer Arbeit in der Halleiner FGM/C-Ambulanz. Dort werden Frauen und Mädchen, die von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen sind, medizinisch betreut, beraten und bei den unterschiedlichen gesundheitlichen Folgen der Eingriffe begleitet. Dazu zählen unter anderem die Abklärung und Behandlung von Schmerzen, gynäkologischen Beschwerden, Infektionen sowie sexuellen und geburtshilflichen Problemen. Bei entsprechender Indikation führt Dr. Trattner auch Defibulationen durch, also die operative Öffnung einer durch Infibulation verengten Vaginalöffnung. Ein wichtiger Bestandteil der Betreuung ist zudem eine verständliche und kultursensible Kommunikation, bei Bedarf unter Einbeziehung einer speziell geschulten somalisch- und arabischsprechenden Peerberaterin des FGZ. Dr. Trattner schilderte anhand ihrer Erfahrungen aus der klinischen Praxis die vielfältigen körperlichen und psychischen Belastungen, mit denen betroffene Frauen konfrontiert sein können.
FGM/C ist in Österreich gesetzlich bei einem Strafmaß von bis zu 15 Jahren Freiheitsentzug verboten, erfüllt den Tatbestand schwerer Körperverletzung und gilt als grobe Menschenrechtsverletzung. Für Ärztinnen und Ärzte besteht besteht Meldepflicht bei drohender Genitalverstümmelung eines Mädchens (bei der FGM/C-Koordinationsstelle gibt es spezialisierte juristische Beratung zur Meldepflicht).
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert alle Eingriffe als weibliche Genitalverstümmelung, die eine teilweise oder vollständige Entfernung der äußeren weiblichen Genitalien oder eine sonstige Verletzung der weiblichen Genitalorgane aus nicht-medizinischen Gründen beinhalten.
Typ 1: Klitoridektomie („Sunna“): Die Klitoris-Spitze und/oder die Klitorisvorhaut werden ganz oder teilweise entfernt.
Typ 2: Exzision: Die Klitoris-Spitze und die inneren Vulvalippen werden ganz oder teilweise entfernt, mit oder ohne Entfernung der äußeren Vulvalippen.
Typ 3: Infibulation: Entfernung der Klitoris-Spitze und Klitoris-Vorhaut, der inneren Vulvalippen und die ganze oder teilweise Entfernung der äußeren Vulvalippen. Die beiden Seiten der Vulva werden anschließend zusammengenäht.
Typ 4: Diverse nicht-klassifizierbare Praktiken. Alle anderen schädigenden Eingriffe an den äußeren weiblichen Genitalien aus nichtmedizinischen Gründen fallen unter Typ 4 (Stechen, Piercen oder Einschneiden).
Die Verstümmelungen, die meist bei Mädchen im Alter von vier bis acht Jahren vorgenommen werden, führen häufig zu einer Vielzahl an akuten Komplikationen sowie schwerwiegenden Langzeitfolgen, etwa Infektionen und starke Blutungen und zu mitunter lebensbedrohenden Zuständen. Auch ein psychisches Akuttrauma kann die Folge sein.
Das FGZ Salzburg als Teil der FGM/C-Koordinationsstelle (finanziert vom Integrationsministerium) bietet sowohl Betroffenen als auch Ärztinnen und Ärzten Rat und Hilfe zu diesem Thema an. Es unterstützt Frauen, Mädchen und medizinisches Personal durch muttersprachliche Workshops (Somalisch und Arabisch) in Sachen Frauengesundheit und bietet Service- Angebote wie Übersetzungen in medizinischen und sozialen Einrichtungen an – mit dem Ziel, die Frauen kultursensibel auch über die körperlichen und medizinischen Folgen von FGM/C zu informieren und sie so für den Schutz ihrer Töchter zu gewinnen.
Wichtig sei es, nicht paternalistisch vorzugehen, die Frauen zu stärken und aus der Opferrolle zu holen. Aber auch auf die Strafandrohung und die rechtlichen Folgen in Österreich (etwa Ende des Asylgrunds) aufmerksam zu machen, falls Eltern oder Familienangehörige mit dem Gedanken spielen, ihre hierzulande geborenen Mädchen ins Heimat-/Herkunftsland mitnehmen und dort beschneiden lassen zu wollen.
Betroffene Frauen erhalten adäquate medizinische und psychosoziale Unterstützung. Das Angebot ermöglicht, die Prävention zum Schutz von gefährdeten Mädchen auszubauen. Diese Aufklärung auf Augenhöhe etwa durch einen somalischen Peer habe sich sehr bewährt, so die FGZ-Geschäftsführerin.
Auch Facharzt für Allgemein- und Familienmedizin, Arbeits-, Reise und Tropenmedizin und Psychotherapie MR Dr. Walter Schmidjell engagiert sich im Kampf gegen die – in afrikanischen Gemeinschaften traditionelle – weibliche Genitalverstümmelung, die schwere gesundheitliche Komplikationen nach sich zieht und eng mit Bildungsabbrüchen, Frühverheiratung sowie einer massiven Einschränkung der Rechte und Lebenschancen von Mädchen und Frauen verbunden ist. Als „Chairman der Amref Flying Doctors Austria“ hilft Dr. Schmidjell mit, aufzuklären und das Ziel der Partnerorganisation Amref Health Africa in Subsahara-Afrika zu unterstützen: FGM/C bis 2030 – im Einklang mit dem UN-Nachhaltigkeitsziel SDG 5 (Geschlechtergleichstellung) – vollständig abzuschaffen. Kern der Vision ist der Aufbau einer panafrikanischen, von den betroffenen Gemeinschaften selbst getragenen Bewegung sowie die Förderung kultureller Alternativen.
Als direkte positive Wirkungen werden die Beendigung von Kinderehen, die Stärkung sexueller und reproduktiver Gesundheit und Rechte (SRHR), der Bildungszugang für alle Mädchen, eine verbesserte Müttergesundheit und mehr Geschlechtergleichstellung genannt.
Als Erfolgsmodell gelten die Alternative Rites of Passage (ARP): gemeinschaftsgeführte Zeremonien, die kulturelle Rituale bewahren, den Schnitt jedoch vermeiden. Über 30.000 Mädchen in Kenia und Tansania konnten damit bereits vor FGM/C bewahrt werden; die Kosten werden zunehmend von den Gemeinschaften selbst getragen. In der praktischen Umsetzung zeigt sich dies in ARP-Zeremonien, Schulungs- und Aufklärungskampagnen für Mädchen, Jungen, Eltern und Gemeindeführer sowie in politischer Lobbyarbeit. Abschließend ruft Amref Health Africa zur Mitwirkung an einer globalen Bewegung auf, um das Ziel bis 2030 zu erreichen.
Einladung zur kostenlosen Online-MulitiplikatorInnen-Schulung zum Thema Female Genital Mutulation/Cutting (FGM/C) am Mittwoch, 2.12.2026, 16.00-19.00 Uhr via Zoom
Referentin: Mag.a Aline Halhuber-Ahlmann (FGZ Salzburg)
Anmeldung: office[at]fgz-Salzburg.at (Link wird zugeschickt)
Weibliche Genitalverstümmelung ist eine Form geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen und Mädchen mit gravierenden langfristigen gesundheitlichen Folgen. Aufgrund der Migrationsbewegungen der vergangenen Jahre, steigt auch in Österreich die Anzahl der von FGM/C betroffenen oder gefährdeten Mädchen und Frauen.
Ziel der Schulung: Sensibilisierung, Vermittlung von Wissen und Handlungsempfehlungen zum Thema weibliche Genitalverstümmelung