Der stellvertretende Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte Salzburgs und Fachgruppenobmann für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Salzburg wurde zum Obmann der Bundesfachgruppe Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Österreichischen Ärztekammer bestellt. Die Bundesfachgruppe berät die Bundessektion Fachärzte in fachlichen und gesundheitspolitischen Fragen und vertritt die Interessen des Sonderfaches auf Bundesebene.
Wir gratulieren herzlich und sprechen mit Dr. Pagitsch über seine neuen Aufgaben, aktuelle Herausforderungen und die Zukunft der Frauenheilkunde in Österreich.
med.ium: Herr Dr. Pagitsch, Sie wurden zum Bundesfachgruppenobmann für Frauenheilkunde und Geburtshilfe bestellt. Was bedeutet diese Wahl für Sie persönlich und welche Schwerpunkte möchten Sie in Ihrer neuen Funktion von Beginn an setzen?
Dr. Sebastian Pagitsch: In die Ärztekammer bin ich ursprünglich mehr durch Zufall gekommen, anfangs in der Sektion Turnusärzte. Seither bin ich immer mehr in verschiedenste Funktionen hineingewachsen. Meine Einstellung ist "bevor ich schimpfe, probier' ich es zuerst lieber selber". Ich habe mich in durchaus sehr vielen Stunden schon gefragt, was ich da eigentlich mache und ob ich überhaupt einen relevanten Teil beitragen kann. Das Frustrationslevel ist oft enorm hoch und es ist eine Kunst, zu erkennen, wann man in einem guten Fahrwasser schnell etwas bewirken kann und wann die Mühen vergeblich sind. Seit ich Landes-Fachgruppenobmann für Frauenheilkunde bin, ist meine Motivation aber immens gestiegen. Diese Funktion wurde zur Herzensangelegenheit und hier habe ich endlich das Gefühl, etwas weiter bringen zu können. Dieser Funke ist offenbar auch in der Bundesfachgruppe übergesprungen, sodass ich nun auch zum Bundes-Fachgruppenobmann gewählt wurde. Dass die Wahl auf mich gefallen ist, hat mehrere Gründe, einer davon ist definitiv die Tatsache, dass ich mit Salzburg einen guten Standort habe. Der Präsident der ÖGGG, Prof. Thorsten Fischer, ist ebenso Salzburger und der Kongress der ÖGGG findet regelmäßig hier statt. Außerdem ist man wirklich schnell in Wien.
Ein anderer Grund ist vielleicht, dass diese Funktion eine freiwillige Arbeit ist, es gibt keine Funktionsgebühren und daher vermutlich nicht so viele Interessenten für diesen Job. Ich möchte an dieser Stelle auch meinen Dank an alle Landesfachgruppenobleute aussprechen, die permanent viele Stunden Arbeit während ihrer Freizeit oder sogar während gesperrter Ordinationszeit in die Standesvertretung stecken. Die meisten KollegInnen merken es nicht, aber da wird wahnsinnig viel im Hintergrund gearbeitet. Der Schwerpunkt meiner Arbeit ist ganz klar die Standesvertretung der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten. Aus meinem eigenen Fach, bringe ich die größte Expertise mit. Mit der geht automatisch die Gesundheit der Frauen und ungeborenen Kinder einher, für welche unser Berufsstand zuständig ist. Unser Fach ist im Grunde ein „best practice“-Beispiel für gelungene Vorsorgemedizin. Die Politik bekennt sich permanent zur Stärkung der Vorsorge und niedergelassenen Medizin. Und auch wenn ich alt genug bin, zu wissen, dass das leider meistens leere Worte sind, ist es mein Job, das Angebot zu liefern und die Vorsorge in der Frauengesundheit entgegen innerer und äußerer Kräfte weiterhin sicherzustellen und auch weiter zu entwickeln. Der Krebsabstrich ist eine immens wichtige Säule, wenn nicht sogar der Aufhänger schlechthin, wieso Frauen in großer Zahl jährlich zur Vorsorge gehen. Aber Frauengesundheit ist noch viel mehr als nur der Krebsabstrich und da will ich ein Bekenntnis der Gesundheitspolitik erreichen, dass der uneingeschränkte, niederschwellige Zugang zu uns FrauenärztInnen gewährleistet bleibt.
med.ium: Der elektronische Eltern-Kind-Pass wird die tägliche Arbeit vieler Gynäkologinnen und Gynäkologen nachhaltig verändern. Wo steht das Projekt derzeit, welche Chancen sehen Sie darin und welche Herausforderungen müssen aus Sicht der Ärzteschaft noch gelöst werden?
Dr. Pagitsch: Das ist ein Thema, welches mir massive Kopfschmerzen bereitet. Es ist leicht, etwas Schlechtes zu verbessern, noch leichter ist es aber, etwas sehr Gutes zu verschlechtern. Der aktuelle Eltern-Kind-Pass in Papierform ist seit Jahrzehnten ein österreichisches Erfolgsbeispiel der Vorsorgemedizin. Da ist die Gefahr groß, dass wir mit viel Geld und Unmut eine „Verschlimmbesserung“ erreichen. Aus fachlicher Sicht hat die Bundesfachgruppe großartige Arbeit geleistet und wir haben unsere Expertise bereits vor bald 2 Jahren fertig abgeliefert. Aus technischer Sicht ist allerdings wieder einmal lange Zeit nichts passiert und die Umsetzung spießt sich nun an so Themen wie zum Beispiel Softwaremodule, welche programmiert und finanziert werden müssen. Der elektronische Eltern-Kind-Pass wird wohl dieses Jahr am 1. Oktober verpflichtend eingeführt werden. Dass das nun im selben Jahr, nur 3 Monate später, wie die verpflichtende Diagnosecodierung kommt, macht die Sache nicht besser. Und was mich wirklich massiv ärgert, ist, dass die Politik, wenn wir dann darauf hinweisen, dass das zu schnell geht und wir noch einige Probleme in den Bereichen Datenschutz, Finanzierung, Patientensicherheit, Schnittstellenkompatibilität etc sehen, das nicht wahrnimmt, sondern einfach drübergefahren wird und am Ende stehen wir als die altmodischen Verhinderer da. Verantwortungsvolle Zusammenarbeit sieht anders aus, oder „vom Hudeln kommen die Kinder“, wie ich als Kärntner gerne sage. Vielleicht finde ich in meiner neuen Funktion ja den Schlüssel, wie das in Zukunft besser geht. Im Sinne meiner Fachgruppe und im Sinne der Patientensicherheit. Ich möchte nicht verhindern, sondern von vornherein die richtigen Weichen stellen.
med.ium: Die Frauenheilkunde steht vor vielfältigen Herausforderungen – von steigenden Dokumentationspflichten bis hin zur Sicherstellung einer flächendeckenden Versorgung im solidarischen Gesundheitssystem. Welche Themen beschäftigen die österreichischen Gynäkologinnen und Gynäkologen derzeit am meisten?
Dr. Pagitsch: Die Frauenheilkunde ist ein sehr großes Fach. Es gibt viele FrauenärztInnen in sehr unterschiedlichen Berufssituationen. Die Oberärztin, welche einen Kreissaal im Nachtdienst zu betreuen hat, hat ganz andere Probleme als der Pränatalmediziner im niedergelassenen Zentrum. Alle Interessen zu vertreten und unter einen Hut zu bringen, ist da nicht immer leicht. Aber ein ganz zentrales Thema derzeit in der Gesundheitspolitik ist mit Sicherheit die Neuaufstellung der Finanzierung. Da geistern alle möglichen Ideen durch die Medien, die Worte „Gesundheitsfonds“ und Finanzierung aus einer Hand“ sind sehr prominent. Als sehr breit zwischen Anstellung und Niederlassung aufgestellte Fachgruppe wird uns das Thema natürlich in jeder erdenklichen Form betreffen. Umberto Eco hat in seinen „Gratis-Prophezeiungen“ schon gesagt: niemand kann in die Zukunft blicken, aber man kann gut die Vergangenheit „nachhersagen“. Die letzte Große Reform hat jedenfalls
nicht 1 Milliarde eingebracht, sondern 1 Milliarde gekostet. „Nur net hudeln...“
med.ium: Sie vertreten künftig die Interessen des Sonderfaches auf Bundesebene und kennen gleichzeitig die Situation in Salzburg sehr genau. Welche Anliegen aus Salzburg möchten Sie besonders in die bundesweite Arbeit einbringen?
Dr. Pagitsch: Eine ganz große Stärke in Salzburg ist die gute Gesprächsbasis zwischen den Stakeholdern. Wir pflegen eine extrem nahbare Kommunikationskultur zwischen Ärztekammer, Politik und Sozialversicherungen. Da können sich andere Bundesländer und auch die Bundesebene ein Scheibchen von uns abschneiden. Wie von sehr vielen derzeit beteiligten Persönlichkeiten in Salzburg ist das irgendwie auch eine typische Eigenschaft von mir, Menschen zusammenzubringen und sinnlose Konflikte aus dem Weg zu räumen. Das möchte ich unbedingt auch bundesweit mitnehmen. Manchmal reicht ein Anruf, das Aufklären eines Missverständnisses oder das richtige Argument, und allen bleibt viel Wirbel erspart.
med.ium: Neben Ihrer Tätigkeit als niedergelassener Facharzt engagieren Sie sich als stellvertretender Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte Salzburgs und nun auch als Bundesfachgruppenobmann. Was motiviert Sie zu diesem standespolitischen Engagement und wie schaffen Sie den Spagat zwischen Ordination und Funktionärstätigkeit?
Dr. Pagitsch: Ich habe nur ein Kind und trotzdem ein Au-Pair-Mädchen. Das haben wir vor 3 Jahren das erste Mal probiert, und das war ein massiver Gamechanger. Diese Extra-Zeit ist genau jene, die ich dann sowohl in meine Ordination als auch in die Standesvertretung investieren kann. Organisatorisch kommt mir da natürlich sehr mein Fach entgegen, da in der Frauenheilkunde die Ordinationen hauptsächlich als Terminordinationen geführt werden können. Wenn ich also akut nach Wien muss und einen freien Tag brauche, dann haben hauptsächlich meine Mitarbeiterinnen das Problem, viel telefonieren zu müssen. Aber die Patientinnen bekommen dann einen anderen Termin, manchmal auch zu Zeiten, wo ich sonst geschlossen hätte. Das ist sich bisher immer gut ausgegangen. Ich habe da außerdem mit meinem Stellvertreter Robert Kepplinger als auch generell mit den KollegInnen in Salzburg eine massiv gute Unterstützung und immer einen freien Rücken. Akute Vertretungen lassen sich fast immer problemlos organisieren. Kürzlich war ich selbst Patient und musste operiert werden. Was ich da an Hilfe aus der Fachgruppe erfahren hab, war einfach nur jenseits jeder Vorstellung und seither weiß ich noch viel mehr, was wir in Salzburg für eine gute Truppe sind und wir im Härtefall immer aufeinander zählen können.
med.ium: Wir danken für das Gespräch.