Von Mag. Christoph Schwalb | med.ium 9+10/2026
Am 1. März 1892 explodiert einer Salzburgerin eine Erdbeerflasche in der Hand, die Splitter treffen ihre Augen, sie erblindet. Ihr Augenlicht, so schreibt sie später auf eine Votivtafel, erhält sie wieder durch die Fürbitte der Gottesmutter und „durch die sorgfältige Pflege der Frau Dr. Kerschbaumer“. Eine Ärztin also, die es in Österreich damals gar nicht geben konnte, denn Frauen durften hier nicht Medizin studieren.
Mit solchen Geschichten führte Dr. Birgit Kofler-Bettschart beim sechsten Vernetzungstreffen des Ärztinnenreferats durch 126 Jahre Medizinstudium für Frauen. Die Diskussion danach richtete den Blick nach vorn: Wie soll der Beruf in Zukunft aussehen, damit auf zwei Schritte vor nicht wieder einer zurück folgt?
Rosa Kerschbaumer hatte in der Schweiz studiert und durfte in Salzburg nur mit einer kaiserlichen Ausnahmegenehmigung behandeln. Von 1881 bis 1896 leitete sie die erste Augenheilanstalt der Stadt, die Zeitgenossen nannten sie „den ersten weiblichen Arzt in Österreich“. Mit ihr begann Kofler-Bettschart am 3. September ihre Lesung in der gut gefüllten Ärztekammer, vor zahlreichen Kolleginnen und etlichen Kollegen, Gesundheitslandesrätin Mag. Daniela Gutschi und Kammerpräsident Dr. Matthias Vavrovsky. Eingeladen hatten die Referentin für Ärztinnen Dr. Emilia Huschka und ihre Stellvertreterin Dr. Ute Neubacher-Kürsten, der Anlass ist ein Jubiläum: Seit 1900 dürfen Frauen in Österreich Medizin studieren. Kofler-Bettscharts Buch „Ärztinnen, die Geschichte schrieben“ (Ampuls Verlag) folgt den Frauen in der österreichischen Medizin von den ersten Pionierinnen bis heute.
Kerschbaumer war kein Einzelfall. Auch in Bosnien stellte der Staat Amtsärztinnen mit Schweizer Diplom an, weil sich muslimische Frauen von Männern nicht untersuchen ließen. Österreich hatte also Ärztinnen, bevor es Frauen studieren ließ, weil es sie dringend brauchte.
Die Universitäten sahen das anders. 1878 erklärten die Professorenkollegien, die Hochschule sei eine „Vorschule für die verschiedenen Berufszweige des männlichen Geschlechtes“. Erst 1897 erhielt mit Gabriele Possanner eine Frau in Wien den Doktortitel, 1900 öffnete das Reichsgesetzblatt das Medizinstudium für Frauen, später als in anderen Ländern.
„Zwei Schritte vor, einer zurück“ heißt bei Kofler-Bettschart das Kapitel über die Zeit zwischen den Kriegen, und der Satz beschreibt das Muster des ganzen Jahrhunderts. Im Ersten Weltkrieg brauchten die Spitäler die Frauen als Sekundarärztinnen. Im Dezember 1918 ordnete das Staatsamt für Volksgesundheit an, das Dienstverhältnis der „weiblichen Sekundarärzte“ ehetunlichst zu lösen, es gebe zu viele Bewerber. In der Ersten
Republik erkämpften sich Ärztinnen neue Felder. Dora Boerner-Patzelt habilitierte sich als erste Frau in Graz, allerdings weitgehend unbezahlt, während ihre männlichen Kollegen für die Lehre ein Gehalt bekamen. In das Frauenbild des Austrofaschismus passten berufstätige Frauen dann schon nicht mehr.
Der tiefste Rückschlag kam 1938. Die Nationalsozialisten verfolgten, vertrieben und ermordeten zahlreiche österreichische Ärztinnen, darunter Margarete Hilferding, eine der ersten Absolventinnen der Wiener Fakultät. Das Nachkriegsösterreich holte die Vertriebenen nicht zurück, es riet ihnen ausdrücklich, im Ausland zu bleiben. NS-belastete Ärztinnen setzten ihre Karrieren dagegen oft nahtlos fort. Die 1950er-Jahre kannten die Ärztin als Ausnahmeerscheinung, bestenfalls in der Kinderheilkunde, und wer arbeitete, musste sich rechtfertigen, mitunter sogar für die Kleidung. „Die Männerdomänen wurden hartnäckigst verteidigt“, sagte Kofler-Bettschart. Wie lange, zeigte ein Zitat, das Anna-Christine Hauser von der Sektion Turnusärzte 1994 in einem Interview wiedergab: „Unser Haus nimmt prinzipiell keine Frauen, die werden doch alle schwanger.“
Heute ist die Hälfte der österreichischen Ärzteschaft weiblich, unter den Absolventinnen und Absolventen deutlich mehr. Salzburg liegt mit einem Frauenanteil von 46,4 Prozent noch unter dem Bundesschnitt. An der Spitze ist davon wenig angekommen: Frauen führen 18,4 Prozent der Primariate, 1990 waren es 6,8. Die Gynäkologie zeigt die Bewegung im Kleinen: zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Feld der Pionierinnen, in der Mitte des Jahrhunderts fest in männlicher Hand, heute wieder mehrheitlich weiblich.
Landesrätin Gutschi, regelmäßig Gast beim Vernetzungstreffen, knüpfte daran an: „Es ist besonders wichtig, dass sich auch Ärztinnen vernetzen, denn 60 Prozent der Menschen, die ein Medizinstudium absolvieren, sind weiblich. Aber wir wissen auch, dass wir noch viel zu tun haben, bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und bei der Besetzung von Spitzenpositionen.“
In der Diskussion richtete sich der Blick dann nach vorn, und zwar sehr konkret: Wie lässt sich eine vollwertige Ausbildung sichern, wenn jemand in Teilzeit arbeitet oder in Karenz geht? Und wie gelingt die Rückkehr, ohne von vorn zu beginnen? Präsident Vavrovsky zog den Bogen von der Geschichte in die Gegenwart: „Die Geschichte dieses Abends hat ein Muster: Wenn Not war, hat man die Frauen geholt, und wenn die Not vorbei war, wieder weggeschickt. Heute fehlen uns in vielen Bereichen Ärztinnen und Ärzte, und die Versuchung ist dieselbe, kurzfristig Lücken zu stopfen. Wir müssen den Beruf so gestalten, dass Menschen ihn ein ganzes
Berufsleben lang ausüben können und wollen, in jedem Fach. Früher blieb Ärztinnen bestenfalls die Kinderheilkunde. Heute darf kein Fach mehr faktisch verschlossen sein, nur weil seine Strukturen aus einer anderen Zeit stammen. Das ist für mich die Lehre aus 126 Jahren.“
Auf die Frage, was Ärztinnen und Ärzte aus ihrem Buch mitnehmen können, antwortete Kofler-Bettschart: „Eine wichtige Einsicht aus der Geschichte der Frauen in der Medizin ist, dass nie etwas von selbst passiert ist. Frauen haben immer kämpfen müssen um Selbstverständlichkeiten. Da haben wir einen weiten Weg zurückgelegt, da ist wahnsinnig viel erreicht worden. Aber es ist nach wie vor so, dass sie sich auf die Hinterfüße stellen müssen.“
Die regelmäßigen Treffen der Ärztinnen dienen dem gemeinsamen Austausch, der Verbesserung der Karrierechancen sowie dem Einbringen der Themen in die Gremien. Das nächste Vernetzungstreffen
des Ärztinnenreferats findet statt am 18. März 2027.
www.aeksbg.at/aerztinnenreferat (Login erforderlich)
Unter allen Leserinnen und Lesern verlosen wir zwei signierte Exemplare von „Ärztinnen, die Geschichte geschrieben haben“.
Zum Buch:
www.ampuls-verlag.at/bücher/ärztinnen-die-geschichte-schrieben/
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Gewinnspielfrage: Seit wie vielen Jahren dürfen Frauen in Österreich Medizin studieren?
Schreiben Sie eine E-Mail mit Betreff „Frauen in der Medizin“ und der Lösung an: pressestelle[at]aeksbg.at
Teilnahmeschluss ist der 30. November 2026. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Viel Glück!
Mehr zur Geschichte Rosa Kerschbaumers:
www.stadt-salzburg.at/frauenspuren/rosa-kerschbaumer-1851-1923/