med.ium 3+4/2026
In der Gesundheitspolitik hat sich eine Haltung breitgemacht, die ich für gefährlich halte: Wer als modern gelten will, muss alles umwerfen. Neue Strukturen, neue Organigramme, neue Berufsbilder. Hauptsache neu. Wer das Bestehende verteidigt, dem wird schnell vorgeworfen, er stehe dem Fortschritt im Weg. Das Gegenteil ist der Fall. Wer Bewährtes leichtfertig opfert, handelt nicht reformerisch, sondern fahrlässig.
Unser Gesundheitssystem leistet Enormes, Tag für Tag, in jeder Ordination, in jeder Ambulanz, auf jeder Station. Dass die Kosten steigen, ist unbestritten. Aber es lohnt sich, genauer hinzusehen.
Diese Kosten entstehen nicht durch Ärztinnen und Ärzte, die seit Jahren unter wachsendem Druck dasselbe leisten und oft weit darüber hinaus. Sie entstehen durch eine Politik, die seit Jahrzehnten auf das falsche Pferd setzt – auf immer neue Verwaltungsebenen statt auf schlanke Prozesse, auf Parallelstrukturen statt auf Entlastung, auf Bürokratie statt auf Versorgung. Eine Politik, die über fehlende Kassentermine klagt und als Antwort das Wahlarztangebot einschränkt – also nicht das Problem bekämpft, sondern die Lösung schwächt. Wer das System so verteuert und sich dann über die Kosten wundert, hat kein Kostenproblem, sondern ein Strategieproblem.
Dahinter steckt ein fundamentales Missverständnis: Die Verwechslung von Medizin mit Dienstleistungsmanagement. Was einen guten Arzt ausmacht, lässt sich nicht in Prozesshandbücher gießen. Es ist die Verantwortung für eine Diagnose, für eine Therapieentscheidung, für einen Menschen. Klinisches Urteilsvermögen. Die Bereitschaft, Entscheidungen zu treffen und dafür geradezustehen. Und vor allem die Beziehung: Eine Vertrauensärztin, ein Vertrauensarzt, ein Mensch, der seine Patientinnen und Patienten kennt.
All das geht verloren, wenn Versorgung in unpersönliche Trägerstrukturen verlagert wird, in denen nicht Verantwortung zählt, sondern Durchsatz – und Kolleginnen und Kollegen ersetzbar werden durch günstigere, aber weniger qualifizierte Kräfte. Was am Ende bleibt, ist weniger Medizin am Patienten – und mehr Kosten im System.
Veränderung ist notwendig. Aber sie bedeutet nicht, alles von vorn zu beginnen, sondern genau hinzuschauen, gezielt zu investieren und Bewährtes zu schützen. Veränderung, ja, unbedingt. Aber mit Augenmaß, mit Wertschätzung – und mit beiden Händen am Steuer statt mit der Abrissbirne.
Mit kollegialen Grüßen
Ihr Dr. Matthias Vavrovsky, MBA
Präsident der Ärztekammer für Salzburg
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