med.ium 7+8/2026
Wer ein Reformpapier ernst nimmt, liest es zweimal: einmal auf das, was darinsteht, und einmal auf das, was fehlt. Das Gesundheitskapitel der Reformpartnerschaft verdient beide Lektüren.
Was darin enthalten ist, verdient in Teilen Zustimmung, gerade weil es aufgreift, was wir selbst seit Jahren fordern: Einen einheitlichen Leistungskatalog, eine Digitalisierung, die Bürokratie abbaut statt erzeugt, und einen gemeinsamen und damit klügeren Einkauf teurer Arzneimittel. Auch die Diagnose trifft zu. Die zersplitterte Finanzierung und eine Zielsteuerung, die seit 2013 wenig steuert, sind reale Probleme unseres Gesundheitswesens.
Bemerkenswert ist, was zwischen den Zeilen steht. Die Sprache des Papiers kennt Leistungserbringer und Versorgungsaufträge, aber kaum Ärztinnen und Ärzte. Namentlich kommen wir fast nur dort vor, wo uns Pflichten
auferlegt werden. Das verrät, wie unser Berufsstand gesehen wird: als Ressource, die man verplant, nicht als Partner, den man gewinnt. Dieses Bild wird sich nicht halten, denn es übersieht einen einfachen Umstand: Ein
Leistungserbringer erbringt, was andere definieren und steuern. Eine Leistung kann man ausschreiben. Verantwortung nicht: Sie wird getragen, persönlich und mit Namen. Und genau darauf beruht das Vertrauen der Patientinnen und Patienten: Dass da jemand ist, der für die Entscheidung einsteht. Wenn ein Behandlungspfad nicht zum kranken Menschen passt, steht dafür nicht der Pfad ein, sondern die Ärztin an seinem Ende, gemeinsam mit ihrem Patienten.
Was außerdem fehlt, ist ausgerechnet das Entscheidende: die Finanzierung. Sie wurde auf den nächsten Finanzausgleich vertagt. Wer von allen Verbindlichkeit verlangt, sich selbst aber die Mittelfrage erspart, gibt vorerst nur ein Versprechen auf Kredit.
Die wichtigste Lektüre steht allerdings noch aus: Die Übersetzung in den Versorgungsalltag. Dafür braucht es jene, die ihn kennen: uns Ärztinnen und Ärzte. Denn Versorgung wird von Menschen geleistet, nicht von Strukturen, und Medizin kann nur so gut sein wie die Bedingungen, unter denen sie entsteht. Eine Reform, die das vergisst, scheitert nicht an uns, sondern an der Wirklichkeit.
Ihr Dr. Matthias Vavrovsky, MBA
Präsident der Ärztekammer für Salzburg
Anregungen und Kritik immer erwünscht unter: pressestelle[at]aeksbg.at