Medium Digital » Newsdetail

Sexualmedizin: Warum dieses Fachgebiet die Medizin der Zukunft verändern wird

Zwischen Vitalität, Prävention und Lebensqualität entsteht eine neue medizinische Schlüsselkompetenz.

Von Dr. med. Marianne Greil-Soyka | med.ium 5+6/2026

Noch vor wenigen Jahren galt Sexualmedizin vielerorts als Randthema. Heute zeigt sich zunehmend: Wer Gesundheit ganzheitlich verstehen will, kommt an Sexualität nicht vorbei.

Sexualität beeinflusst Lebensqualität, psychische Stabilität, Partnerschaften, Selbstwert, hormonelle Gesundheit und das allgemeine Vitalitätsempfinden. Gleichzeitig gehören sexuelle Beschwerden zu den häufigsten – und am seltensten angesprochenen – Problemen im medizinischen Alltag.

Die Folge: Viele Patient:innen bleiben mit ihren Beschwerden allein. Nicht aus mangelnder Relevanz, sondern weil Ärzt:innen im Studium und in ihrer Weiterbildung kaum auf sexualmedizinische Gesprächsführung vorbereitet werden.

Nicht selten sprechen Patient:innen ihre Beschwerden erstmals nach Jahren an – oft erst dann, wenn Ärzt:innen das Thema aktiv und professionell ansprechen.

Dabei reicht das Spektrum der Sexualmedizin weit über klassische sexuelle Funktionsstörungen hinaus. Moderne Sexualmedizin beschäftigt sich unter anderem mit den Auswirkungen von Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf Sexualität, mit hormonellen Veränderungen, Traumafolgen, Geschlechtsidentität, reproduktiver Gesundheit und den Herausforderungen digitaler Sexualität.  

International wird zunehmend deutlich, dass Sexualmedizin als eigenständige medizinische Disziplin etabliert werden muss. Sie entwickelt sich zu einer interdisziplinären Schlüsselmedizin mit hoher gesellschaftlicher Relevanz. Ziel ist es, sexualmedizinische Versorgung, Forschung und Ausbildung nachhaltig in moderne Gesundheitssysteme zu integrieren.

Denn sexuelle Gesundheit ist kein Nebenschauplatz der Medizin. Sie ist Teil von Public Health.

Wenn Sexualität zum Gesundheitsthema wird

Besonders sichtbar wird dies in der Präventionsmedizin. Erektile Dysfunktion kann ein früher Marker kardiovaskulärer Erkrankungen sein. Libidoverlust kann Hinweise auf metabolische, endokrinologische oder psychische Belastungen geben. Onkologische Therapien beeinflussen Sexualität oft massiv – ein Thema, das in der Nachsorge noch immer zu wenig Raum erhält.

Die moderne Longevity-Medizin beginnt zunehmend zu verstehen: Vitalität bedeutet nicht nur ein längeres Leben, sondern auch ein lebenswertes Leben.

Sexualität ist ein essentieller Bestandteil von Wohlbefinden, Identität und sozialer Gesundheit. Gleichzeitig verändern sich gesellschaftliche Rahmenbedingungen rasant. Themen wie Geschlechtsdysphorie, digitale Sexualität, paraphile Entwicklungen, Migration und kulturelle Diversität stellen Ärzt:innen vor neue Herausforderungen.  

Nicht nur in Europa, sondern weltweit beginnt man derzeit sexualmedizinische Ausbildung und Versorgung neu zu denken.

Internationale Fachgesellschaften arbeiten intensiv daran, Sexualmedizin stärker in moderne Gesundheitssysteme zu integrieren. Auch das International Sexual Medicine Research Network (ISMR), dessen Präsidentin die Autorin ist, entwickelt gemeinsam mit internationalen Partnern Ausbildungs-, Forschungs- und Versorgungskonzepte für die Zukunft der Sexualmedizin.

Dabei bestehen Kooperationen unter anderem mit dem UNESCO Chair „Sexual Health & Human Rights“ der Université Paris Cité, mit internationalen Organisationen wie dem United Nations Population Fund (UNFPA), der sich weltweit für sexuelle und reproduktive Gesundheit sowie Frauenrechte einsetzt, mit der World Association for Sexual Health (WAS) sowie mit europäischen Institutionen und gesundheitspolitischen Netzwerken.

Die Sexualmedizin reagiert darauf mit einem biopsychosozialen Ansatz: Körperliche, psychische, partnerschaftliche und gesellschaftliche Faktoren werden gemeinsam betrachtet. Genau darin liegt ihre besondere Stärke.

Ein Fach zwischen Medizin und Kommunikation

Sexualmedizin ist interdisziplinär wie kaum ein anderes Fachgebiet. Sie verbindet Aspekte aus Innerer Medizin, Gynäkologie, Urologie, Endokrinologie, Psychiatrie, Psychotherapie, Neurologie, Onkologie und Public Health.

Sexualmedizin ist auch Kommunikationsmedizin.

Viele Patient:innen wünschen sich, dass Ärzt:innen das Thema Sexualität aktiv ansprechen. Gleichzeitig erleben viele Mediziner:innen Unsicherheit: Wie erhebt man eine sexualmedizinische Anamnese? Wie spricht man sensible Themen professionell an?

Genau hier beginnt moderne sexualmedizinische Kompetenz.

Der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch formulierte bereits vor Jahren den Wunsch, dass Sexualmedizin „von den Universitäten endlich allgemein anerkannt wird in Lehre und Forschung“.  

Sexualmedizin braucht Ausbildung

Die Österreichische Akademie für Sexualmedizin (ÖASM) widmet sich seit vielen Jahren dem Aufbau sexualmedizinischer Lehre und Weiterbildung in Österreich.

Das Basismodul Sexualmedizin zur Erlangung des ÖÄK-Zertifikats Sexualmedizin vermittelt Kenntnisse und praktische Fertigkeiten zur sexualmedizinischen Beratung, Gesprächsführung und Diagnostik. Inhalte sind unter anderem sexuelle Funktionsstörungen, psychosexuelle Entwicklung, Sexualität und Trauma, sexuelle Orientierung, Geschlechtsdysphorie sowie sexualmedizinische Gesprächsführung und Fallseminare.  

Besonderes Augenmerk liegt auf Praxisnähe und interdisziplinärem Denken. Der nächste Basiskurs startet im Juni 2026 und kombiniert Präsenzwochenenden mit Online-Lehre und praxisnahen Fallseminaren. Geleitet werden die Präsenzmodule von Dipl.-Psych. Gerold Scherner, Psychotherapeut und Paartherapeut mit sexualwissenschaftlicher Ausbildung am Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité – Universitätsmedizin Berlin.  

Willkommen sind ausdrücklich nicht nur Ärzt:innen, sondern auch Psycholog:innen, Onkopsycholog:innen, Beckenbodentherapeut:innen, Pflegepersonen und andere Gesundheitsberufe – insbesondere wenn an Kliniken oder Abteilungen der Aufbau sexualmedizinischer Ambulanzen geplant ist.

Ein Blick in die Zukunft

Sexualmedizin entwickelt sich zunehmend von einem Randgebiet zu einer zentralen Disziplin moderner Medizin. Dort, wo Prävention, Vitalität, psychische Gesundheit und Lebensqualität zusammentreffen, entsteht ein Fachgebiet mit enormer gesellschaftlicher Bedeutung.

Vielleicht geht es dabei letztlich auch um eine Rehumanisierung der Medizin – um mehr Gespräch, mehr Begegnung und mehr ganzheitliches Denken.

Sexualmedizin bedeutet, Patient:innen in einem zentralen Bereich ihres Lebens ernst zu nehmen und sie mit ihren Fragen und Problemen nicht allein zu lassen. Genau darin liegt möglicherweise ihre wichtigste Zukunftsaufgabe.

Kommendes Basismodul Sexualmedizin – zur Erlangung des ÖÄK-Zertifikates:

Juni - September 2026

1. Kurswochenende: 19./20. Juni 2026  

Alle Detailinfos: www.oeasm.org 

Fragen an info[at]oeasm.org