Von Dr. Alois Mair und Dr. Florian Connert | med.ium 9+10/2026
Alois Mair: Florian, wann hast du das erste Mal einen niedergelassenen Facharzt um eine Visite gebeten?
Florian Connert: Das war recht bald, nachdem ich 2010 in die Praxis gegangen bin. Ich habe damals einen jungen Patienten mit fortgeschrittenem Prostatakarzinom zu Hause palliativmedizinisch betreut. Irgendwann habe ich es dann nicht mehr geschafft, ihm den notwendigen Blasenkatheter zu legen. Ein Transport ins Krankenhaus wäre zwar möglich, aber sehr beschwerlich für ihn gewesen, und er wollte das auch nicht. Also habe ich unseren Urologen Roman Szlauer angerufen und ihn einfach gefragt, ob er bereit wäre, eine Visite zu machen, was er dann auch getan hat.
Alois Mair: Hat dich das überrascht?
Florian Connert: Ja, irgendwie schon. Ich hatte damals die Vorstellung, dass niedergelassene Fachärzte keine Hausbesuche machen, und als „Newbie“ in der Region hatte ich Skrupel zu fragen. Aber Roman war total nett und hat das wie selbstverständlich übernommen. Wann hast du begonnen, Visiten in den Seniorenheimen zu machen, und warum machst du das noch immer so fleißig?
Alois Mair: Erstens ist es medizinisch interessant, und zweitens sehe ich mich als Dienstleister sowohl für Patient:innen als auch für meine Kolleg:innen in der Region, u. a. im Netzwerk Wallersee. Man sollte sich – besonders im Arztberuf – immer wieder die Frage stellen, was man in das Gesundheitssystem einbringen kann. Schließlich wird man ja von den Krankenkassen bezahlt, also von der Allgemeinheit. Wie kann ich durch meine Arbeit dazu beitragen, dass die verfügbaren Ressourcen zielgerichtet und maßvoll eingesetzt werden? Die Betreuung von Patient:innen im Seniorenheim ist ein sehr gutes Beispiel für bedarfsorientierte und maßvolle Medizin.
Florian Connert: Wie groß ist der Aufwand für diese Visiten?
Alois Mair: Das hält sich absolut in Grenzen. Es sind gut zehn Seniorenheime, die ich in Abstimmung mit den Allgemeinmediziner:innen besuche. Pro Monat sind das zwischen zehn und zwanzig Patientenkontakte. Wichtig ist eine effiziente Strukturierung. Vorab erhalte ich alle wichtigen Informationen via MedSpeak. Das Gespräch mit dem Pflegepersonal ist natürlich ganz wichtig für die Außenanamnese und die Planung der weiteren Schritte. Den Befundbericht erhalten das Seniorenheim und die Zuweisenden noch am selben Tag.
Florian Connert: Zu Beginn warst du ja noch Wahlarzt, und mittlerweile hast du einen Kassenvertrag. Hat das für dich irgendetwas verändert, z. B. an den Abrechnungsmodalitäten oder deinen Honoraren?
Alois Mair: Als Kassenarzt ist alles viel einfacher. Ich kann mich viel mehr auf das Medizinische konzentrieren und habe deutlich weniger Hintergrundarbeit. Entscheidend ist, dass nicht bei jeder einzelnen Tätigkeit Überlegungen zur Honorierung im Vordergrund stehen. Auch als ich noch Wahlarzt war, habe ich meine Visiten nach den jeweiligen Honorarordnungen abgerechnet. Ich war damit zufrieden, und die Selbstbehalte für die Patient:innen waren akzeptabel. Grundsätzlich würde ich allen Wahlärzt:innen den Rat geben, sich mit den Honorarordnungen vertraut zu machen, um die Kosten für die Patient:innen gering zu halten. Das sind wir ihnen schuldig.
Florian Connert: Was sind die häufigsten Fragestellungen an dich?
Alois Mair: Viele Menschen in Seniorenheimen sind multimorbid. Natürlich geht es oft um Demenzen und um Probleme, die damit in Zusammenhang stehen. Verhaltens- und Schlafstörungen können symptomatisch oft gut behandelt werden, aber es muss immer wieder abgeklärt werden, ob ein Delir als Ursache vorliegt. Bei Schmerzen sind Außenanamnese und eine genaue körperliche Untersuchung ganz entscheidend. Auch Patient:innen mit Parkinson, Depressionen oder nach Schlaganfällen werden oft zugewiesen. Die Betroffenen in ihrem persönlichen Umfeld zu erleben, ist bei vielen geriatrischen, neuropsychiatrischen Erkrankungen ein großer Vorteil. Ich glaube aber auch, dass es für Kolleg:innen anderer Spezialfächer interessant sein kann, sich mit Seniorenheimen und Fachärzt:innen für Allgemein- und Familienmedizin zu vernetzen. Wie erlebst du das, Florian?
Florian Connert: Es ist eine Winwin-win-…-Situation. Den betagten Patient:innen werden belastende Transporte, stundenlange Wartezeiten und oft auch Krankenhausaufenthalte erspart, die mit einem erheblichen Delir-Risiko einhergehen. Von der Zusammenarbeit zwischen Fachärzt:innen für Allgemein- und Familienmedizin und jenen der Sonderfächer profitieren beide Seiten. Die Spezialist:innen bringen ihre Expertise ein, und wir Allgemeinmediziner: innen behalten den Überblick und achten als Expert:innen für Polypharmazie und Quartärprävention darauf, dass die medikamentöse Therapie zu den zahlreichen anderen Medikamenten passt, die diese meist multimorbiden Personen einnehmen müssen. Durch unsere oft langjährige Beziehung können wir außerdem die Akzeptanz neuer Therapien und Maßnahmen bei diesen Patient:innen steigern. Die Zusammenarbeit macht Spaß und stärkt das gegenseitige Vertrauen in der Kollegenschaft. Und für das Gesundheitssystem ist das natürlich auch die günstigste Lösung.
Alois Mair: Für uns alle wäre es wichtig zu erkennen, wo die Versorgung verbessert werden kann. Welche konkreten Vorschläge hast du für Fachärzt:innen, und wie können wir sie für diese Ideen gewinnen?
Florian Connert: Wir haben allegenug zu tun und Angst davor, dass es noch mehr wird. Insofern kann ich Zurückhaltung oder Ablehnung diesbezüglich verstehen. Auf der anderen Seite wollen wir aber sinn- und maßvolle Medizin für die Menschen in unserer Region machen. Sich aus seiner Ordination hinauszubegeben, seine Geräte und Maschinen hinter sich zu lassen und nur mit dem Wenigen, das man in seinem Arztkoffer hat, die Patient:innen in ihrer Wohnumgebung aufzusuchen, das kann für jede und jeden eine interessante Erfahrung und Abwechslung sein. Wir Allgemeinmediziner:innen sind froh über alle Spezialist:innen, die wir bei Bedarf fragen können. Bei bestimmten Fachrichtungen ist ein Besuch vor Ort wahrscheinlich wenig sinnvoll. Hier würde sich aber vielleicht ein telefonisches Konsil anbieten, so wie wir das im Gesundheitsnetzwerk Wallersee pflegen. Auch telemedizinische Leistungen sind übrigens verrechenbar und werden in Zukunft wohl an Bedeutung gewinnen.