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Die stille Veränderung: Wie Smartphone & Co. die frühe Entwicklung beeinflussen

Digitale Medien gehören heute selbstverständlich zum Alltag von Kindern und Jugendlichen. Zugleich werden ihre Auswirkungen in Arztpraxen und Therapiestellen immer sichtbarer: früher und intensiver Medienkonsum kann gesundheitliche, sprachliche und psychosoziale Auffälligkeiten verursachen. Umso wichtiger sind frühe Aufklärung und klare Orientierung für Familien.

AVOS | med.ium 5+6/2026

Smartphones, Tablets und Streamingdienste sind längst fixer Bestandteil des Familienalltags – oft schon im Kleinkindalter. Die MiniKIM-Studie 2023 zeigt, dass bereits bei den Zwei- bis Fünfjährigen der persönliche Zugang zu digitalen Geräten deutlich zugenommen hat: Jedes fünfte Kleinkind besitzt mittlerweile ein eigenes Tablet, jedes zehnte ein Smartphone. Unter Einbeziehung von Streamingdiensten und Mediatheken nutzen bereits 44 Prozent der Zwei- bis Fünfjährigen täglich digitale Medien.

Online-Medien haben viele Vorzüge: Sie erleichtern den Alltag, schaffen schnellen Zugang zu Wissen und bieten zahlreiche Chancen – auch im Bildungsbereich. Zugleich melden Kindergärten und Schulen zunehmend Konzentrationsprobleme, sprachliche Auffälligkeiten und Schwierigkeiten im sozialen Miteinander bei Kindern mit hohem Medienkonsum. Auch in den Kinderarztpraxen wird die Problematik zunehmend sichtbar. MR Dr. Holger Förster, Kinderarzt sowie Präsident und ärztliche Leiter von AVOS berichtet aus seiner Erfahrung: „In unseren Ordinationen sehen wir immer häufiger Säuglinge, die mit Videos auf Smartphones beruhigt werden, sowie Kleinkinder, die mit Handyspielen beschäftigt werden. Was kurzfristig praktisch und effektiv wirkt, führt oft schon wenige Monate später zu Vorstellungen wegen Regulationsstörungen bei Säuglingen sowie Verhaltens-, Schlaf- und Sprachproblemen bei Kleinkindern.“

Negative Auswirkungen auf kindliche Entwicklung

Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse weisen darauf hin, dass eine übermäßige oder nicht altersgerechte Nutzung digitaler Medien erhebliche Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung haben kann. Beobachtet werden unter anderem Probleme bei Konzentration, Impulskontrolle, Sprachentwicklung, sozialer Interaktion oder Bewegung. Auch Kurzsichtigkeit, Adipositas, psychische Belastungen und eine gestörte Eltern-Kind-Interaktion durch ständige Smartphone-Nutzung der Eltern („Phubbing“) werden zunehmend diskutiert. 

Dauer und Art der Nutzung ist entscheidend

Wie stark sich Medienkonsum auswirkt, hängt nicht nur von der Nutzungsdauer ab, sondern auch vom Alter des Kindes, den Inhalten und der Begleitung durch Erwachsene. Internationale Fachgesellschaften wie die American Acamdey of Pediatrics und die WHO empfehlen seit Jahren, insbesondere den Kontakt von Kleinkindern mit digitalen Medien stark einzuschränken. Die Gesellschaft für Seelische Gesundheit in der Frühen Kindheit e.V. (GAIMH) spricht sich dafür aus, das Thema Medien und frühkindliche Entwicklung ins öffentliche Bewusstsein zu bringen und grundsätzliche Kenntnisse über die Auswirkungen digitaler Medien auf die Entwicklung von Kindern zu vermitteln. „Auch uns Ärzt*innen kommt dabei eine wichtige Rolle zu“, betont Kinderarzt MR Dr. Holger Förster. „Eltern vertrauen uns. Wir können Risiken früh ansprechen und Orientierung im Umgang mit digitalen Medien geben. Ein bewusster Medienkonsum ist damit zunehmend auch eine medizinische und entwicklungsrelevante Aufgabe.“

Interview mit Melanie Benzinger, BSc

„Kinder kommen oft erst dann zur Therapie, wenn Probleme bereits manifest sind“

med.ium: Welche Veränderungen beobachten Sie aktuell im Therapiealltag bei Kindern?
Melanie Benzinger, BSc: Wir sehen seit einigen Jahren einen deutlichen Anstieg an Verhaltens-, Sprach- und Entwicklungsauffälligkeiten. Gleichzeitig werden Kinder immer früher mit Smartphones, Tablets oder Streamingangeboten konfrontiert – häufig bereits unter drei Jahren. Diese Entwicklung spiegelt sich zunehmend auch in unserem Therapiealltag wider.

med.ium: Wie äußern sich diese Auffälligkeiten konkret?
Benzinger: Viele Kinder haben Schwierigkeiten mit Konzentration, Sprache, Aufmerksamkeit oder sozialer Interaktion. Manche zeigen motorische Unsicherheiten oder Probleme bei der Impulskontrolle. Besonders auffällig ist, dass Kinder oft Schwierigkeiten haben, sich in einer Gruppe zu integrieren oder sich länger mit einer Sache zu beschäftigen. 

med.ium: Warum wird das Thema aus therapeutischer Sicht immer relevanter?
Benzinger: Weil sich viele Auswirkungen erst zeitverzögert zeigen. Oft werden Auffälligkeiten erst im Kindergarten oder bei Schuleintritt sichtbar. Genau dann kommen viele Kinder erstmals zur Therapie oder zeigen Auffälligkeiten im Rahmen der Schuleinschreibung. Zu diesem Zeitpunkt haben sich manche Schwierigkeiten allerdings bereits verfestigt.

med.ium: Wie sieht das Therapieangebot bei AVOS derzeit aus?
Benzinger: AVOS bietet kostenlos Ergotherapie und Logopädie für Kinder mit Entwicklungsstörungen an. Der Zugang ist sehr niederschwellig, da für die Aufnahme nur eine kinderärztliche Verordnung notwendig ist. Die Kosten werden von den österreichischen Gesundheitskassen und dem Land Salzburg getragen.

med.ium: Wo liegen aktuell die größten Herausforderungen?
Benzinger: Die Nachfrage steigt stark an. Viele Kinder werden erst relativ spät zugewiesen, gleichzeitig betragen die Wartezeiten – je nach Region – teilweise bis zu einem Jahr. Gerade bei Entwicklungsauffälligkeiten ist Zeit aber ein entscheidender Faktor. Je früher die Unterstützung beginnt, desto besser können Kinder in ihrer Entwicklung begleitet und gefördert werden.

med.ium: Was wäre aus Ihrer Sicht jetzt besonders wichtig?
Benzinger: Die Bewusstseinsbildung in unserer Gesellschaft ist entscheidend. Dies betrifft sowohl Eltern als auch Großeltern und ihren eigenen Medienkonsum. Bezugspersonen haben eine große Modell- und Vorbildwirkung. Ziel sollte es sein, Kindern eine ausgewogene Entwicklung mit viel Bewegung, frischer Luft, gesunder Ernährung und persönlicher Zuwendung zu ermöglichen. Gleichzeitig gilt es, Entwicklungsauffälligkeiten frühzeitig zu erkennen und Kinder bestmöglich zu unterstützen.

Kinder & Medien – Tipps für Eltern

Gratis Ratgeber

Ratgeber zum gesunden Medienkonsum auf der Website der Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ)

Umgang mit digitalen Medien

Tipps von Saferinternet.at für Eltern von 3- bis 6-Jährigen zum Umgang mit Handy, Tablet & Co.

Quellen: